Interview mit Bruder Raphael Bernhardt (70)

„50 Jahre im Dialog mit Gott – 50 Jahre Alexianerbruder“

Bruder Raphael war ein früh Berufener. Schon Anfang 20 war für ihn klar, sein Leben im Dienste einer Ordensgemeinschaft Gott zu widmen. Bei den Alexianerbrüdern hat er von Beginn an die spirituelle, aber auch tätige Gemeinschaft gefunden, in der er bis heute Lebensfreude, Zufriedenheit und Glück empfindet.

Bruder Raphael Bernhardt (70), bürgerlich Guido Bernhardt, geboren in Schwelm bei Wuppertal, wurde am 1. Juni 1964 Postulant der Ordensgemeinschaft der Alexianerbrüder. Er begann am 8. Dezember 1964 sein Noviziat und wurde in Münster, später in Krefeld, zum Krankenpfleger ausgebildet. Nach dem Examen arbeitete er zunächst in Krefeld in der Psychiatrie und ab 1974 als stellv. Hausrektor in Aachen. 1990 wechselte er nach Köln und arbeitete dort als Mitarbeiter in der Krankenhausseelsorge. 2003 kam er nach Münster und ist seit dieser Zeit in den Einrichtungen der Eingliederungshilfe tätig.

Bruder Raphael, Sie feiern am 7. Dezember 2014 Ihr 50jähriges Ordensjubiläum. Welcher Augenblick in Ihrem Leben war so entscheidend, dass Sie sich mit gerade einmal 20 Jahren entschlossen haben, ­Ordensbruder zu werden?

Einen ersten Impuls erhielt ich in meinem Heimatort in Schwelm. Dort führten die Vinzentinerinnen das Marienhospital in Schwelm. In diesem Hospital gab es eine kleine Kapelle, in der regelmäßig jeden Sonntag Gottesdienste stattfanden. Als Jugendlicher im Alter von 14 Jahren, und gerade in der Ausbildung zum Graveur, war ich am kirchlichen Leben sehr interessiert. Nicht nur die Andachten besuchte ich regelmäßig, auch als Messdiener hatte ich das Gefühl bereits fester Bestandteil des kirchlichen Lebens zu sein.

Eines Tages begegnete ich einer der Ordensschwestern der Vinzentinerinnen auf der Straße und fasste mir sozusagen ein Herz und sprach sie an. Angetrieben von dem Interesse, was hinter der Lebensweise in einer Ordensgemeinschaft stecke, sprach ich all meine Fragen an und bekam auch Antworten darauf. ­Zunächst ruhte der mich immer wieder nachdenklich stimmende Gedanke in mir, ins Kloster zu gehen. Ich ging meiner ­Arbeit nach und es dauerte noch einige Jahre, bis ich einen Augenblick erlebte, den ich als Fingerzeig Gottes sah und dieser Augenblick mein weiteres Leben massiv veränderte.

Auf meinem sonntäglichen Gang zu dieser besagten Kapelle, machte ich einen Zwischenstopp bei meinen Großeltern, die nicht weit von meinem Elternhaus ­entfernt wohnten. Eine liebgewonnene Gewohnheit, denn bei den Großeltern gab es immer selbstgebackenen Streuselkuchen und ich fühlte mich ­dort geborgen.

Auf dem Tisch lag das „Paderborner Liboriusblatt“, ein kirchliches Journal, das ich interessiert durchblätterte. Auf der vorletzten Seite sah ich eine schwarzum­ran­dete ­Anzeige: „Katholischer Jungmann, fühlst Du Dich berufen im Ordensstand den Ärmsten der Armen zu dienen? Wenn ja, dann schreibe uns doch bitte. Wir freuen uns auf Deine Anfrage. Die Alexianerbrüder ­aus Aachen.“

Diese Anzeige ließ mich nicht mehr los, ja, ich kann ­sagen, sie fesselte mich geradezu. Mit diesen Gedanken bin ich in die Andacht gegangen. Insgeheim betete ich: „Lieber Gott, wenn Du mich brauchst und diesen Weg für mich vorgesehen hast, dann gib mir ein Zeichen.“ Aus diesem Moment heraus wuchs ein inneres, warmes Gefühl in mir, es war so stark und beglückend, dass ich es kaum glauben konnte. Dieses Gefühl in mir tragend, bin ich nach Hause gegangen. Am gleichen Abend habe ich einen Brief an die Alexianerbrüder nach Aachen geschrieben, heimlich, denn, meinen Eltern wollte ich meinen Entschluss noch nicht mitteilen. Bereits einige Tage später kam die Antwort. Meine Mutter legte mir diesen für mich besonderen Brief in mein Zimmer, den sie zunächst kritisch beäugt hatte, denn er trug das Wappen der Alexianer. Ich konnte es gar nicht abwarten, diesen Brief zu öffnen. Dann nahm mein späteres Ordensleben seinen Lauf.

Bruder Raphael heißt das, Sie sind nach diesem Brief dem Orden der Alexianerbrüder beigetreten?

Nein, ganz so schnell ging es nun doch nicht. Zunächst einmal habe ich die Einladung ins Kloster und in die Alexianer-Einrichtungen nach Aachen gern angenommen. Der damalige Novizenmeister, Bruder Ewald, empfing mich bereits am Bahnhof und begrüßte mich herzlich. Der erste Besuch in der Psychiatrie hat mich fasziniert, aber auch ein wenig geängstigt. Zunächst konnte ich mir gar nicht vorstellen, mit psychisch kranken Menschen zu arbeiten. Gut, ich war ja auch noch ein Jugendlicher, noch nicht einmal mit meiner Ausbildung fertig. Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit den Ordensbrüdern hatte ich aber den Eindruck, hier bin ich Zuhause und angekommen. Es dauerte noch einige Jahre, bis ich meinen Entschluss in die ­Tat umsetzen konnte und innerlich dazu bereit war.

Im Alter von 20 Jahren trat ich als Postulant in das Ordensleben ein. Ich habe dann eine Ausbildung zum Krankenpfleger abgeschlossen und arbeite seit diesem Tag in der Krankenpflege für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Seit 2003 bin ich in der Eingliederungshilfe tätig.

Die alexianische Philosophie lautet: „Im Sinne Jesu den Menschen mit Leidenschaft zugewandt“ und diese Philosophie tragen die Alexianerbrüder in ihre Einrichtungen und setzen sie um. Was macht Ihre Arbeit so besonders?

Die Arbeit bereichert mein Leben. Die Liebe, mit der ich meine Arbeit ausführe, bekomme ich oft als Echo zurück. Das macht mich glücklich und bestätigt mich darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Liebe, die Gott mir schenkt, die kann ich an die Menschen weitergeben, die diese Liebe benötigen. ­Die Kraft gibt mir die Gemeinschaft meiner Mitbrüder. 

Was bedeutet für Sie, verbunden zu sein mit Gott?

An Gott denken, mit Gott sprechen und das in einer vertraulichen, ja nahezu in einer persönlichen Art. So spreche ich Gott stets mit „Du“ an. Das macht Gott für mich greifbar und nah und ich fühle mich ihm durch ein intensives Gebetsleben verbunden. Wer im Himmel verankert ist, der ist Gott nah. Ich weiß, alle Geschehnisse und Erlebnisse im Alltag werden von Gott zugelassen.

Glauben gemeinsam teilen ist das Motto der Alexianer­brüder. Wie ist das Leben in der Gemeinschaft und bleibt noch ein wenig Zeit für Persönliches?

Ich habe stets versucht, meine Tür nie fest zu verschließen, damit möchte ich sagen, ich habe sie immer einen Spalt offen gelassen. So nehme ich Anteil an den Geschehnissen im Ordensleben und bin offen für Gespräche und den Austausch. Das öffnet meinen Horizont und lässt mich nicht allein sein. Das Leben in der Gemeinschaft ist nur möglich, wenn ich denen, die mit mir leben, mit Toleranz, Respekt und Ehrfurcht begegne. So, wie es auch im Leben normal sein sollte. Wir Ordens­brüdern sind ja schließlich Menschen wie Du und Ich, mit Schwächen und Stärken. Zu romantisch sollte man das Ordensleben nicht sehen. Wichtig ist es offen zu sein, aufeinander zuzugehen und füreinander da zu sein. Gemeinsam glauben wir an Gott und gemeinsam leben wir diesen Glauben. Das ist etwas ganz Großes, dass macht unsere Gemeinschaft so wertvoll.

Wie wichtig ist für Sie der Austausch mit anderen Ordensgemeinschaften?

Der Austausch, egal mit welcher Ordensgemeinschaft, gibt mir persönlich Impulse und Erfahrungswerte, die mich bereichern und unterstützen können. 

Sehen Sie es heute noch als zeitgemäß an, einer Ordens­­gemeinschaft beizutreten, sprich ins Kloster zu gehen?

Ja. Wenn Gott Dich beruft, dann ist es egal, in welcher Zeit Du lebst, dann folgst Du diesem Ruf. 

Das hört sich sehr abstrakt an? Was bedeutet es denn „Berufen zu sein“?

Berufung ist ein unverdientes Gnadengeschenk, nach ­der Taufe das größte Geschenk, was Gott einem Men­schen schenken kann. Man spricht auch von der zweiten Taufe. Berufung heißt für mich Gottes Ruf zu folgen, den Weg zu gehen, den er für mich vorgesehen hat. 

Bruder Raphael, was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Das ich noch manches Jahr, das Gott mir schenkt, in seinem Dienste wirken kann. Das ist mir wichtig. 

Vielen Dank für dieses Interview. Darf ich Sie persönlich etwas fragen, was macht Sie so authentisch, ja geradezu beneidenswert glücklich?

Authentisch ist jeder Mensch, der das, was er vertritt, auch leidenschaftlich lebt. Glück ist relativ. Wenn man mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist, egal in welcher Form, dann strahlt man dies aus, kann davon kundtun und Auskunft geben. Meine erste und einzige Liebe, die Liebe zu Gott, hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ich hatte in meinem Leben nie das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich bin glücklich in der Gemeinschaft, glücklich ein Ordensleben zu führen und einfach zufrieden mit meinem Leben.

Mit Bruder Raphael Bernhardt sprach Barbara Krause
(Alexianer Krefeld GmbH) anlässlich seines 50jährigen Ordensjubiläums.